Consume me - Plastik aus Gips, Readymades, Schweißbrille, antike Kopfhörer, Flügel eines Eichelhäher - Dennis Josef Meseg - 2018-2021

Consume me


Arbeit aus Gips-Totenkopf, Acryl, Schweißbrille, antiken Kopfhörern, Flügel eines Eichelhäher (ist an der Uni gegen eine Glasscheibe gefolgen), Kinder-Puppen und antikem Preisschild – auf antikem Samt-Sockel (ehem. Kircheneigentum).
Größe: ca. 40x35cm

Consume me - Plastik aus Gips, Readymades, Schweißbrille, antike Kopfhörer, Flügel eines Eichelhäher - Dennis Josef Meseg - 2018-2021

Konsum als Katechismus

Auf einem alten Kirchensockel steht „Consume Me“ wie ein Gegenevangelium. Der Schädel ist bunt gepunktet: ein Candy-Code, der Tod und Süßwaren-Ästhetik verschaltet. Die Sonnenbrille verwehrt den Blick in die Augenhöhlen—Coolness als Verschalung der Leere. Zwei Vogelflügel versprechen Transzendenz, doch der Aufstieg bleibt ein Produktversprechen. Aus dem Mund fallen kleine Kinderfiguren: nicht als Gebet, sondern als Output. Die Arbeit behauptet, dass das Kind in spätkapitalistischen Gesellschaften früh zum optimalen Konsumenten geformt wird—Zielgruppe, Datensatz, Lifetime Value.

Der Kirchensockel markiert die Verschiebung der Autorität: Was einst Sinn stiftete, trägt nun die Liturgie des Marketings. Werben ersetzt Werfen; Segen wird zur Signatur. Die Punkte sind die gamifizierten Trigger—Rewards, Badges, Punktewelten—die Pädagogik des Klickens. Die Brille kaschiert: Wir sehen nicht zurück, wir erkennen uns nicht im Spiegel der Schädeldecke. Doch die Kinder verlassen den Totenschädel wie Hostien aus einem Altar—nur dass hier nicht geteilt, sondern verzehrt wird. „Consume Me“ ist Imperativ und Beichte zugleich: Wir wissen es, und wir tun es trotzdem.

Politisch ist die Arbeit dort, wo sie nicht moralisiert, sondern die Infrastruktur zeigt: Plattform-Rituale, Belohnungsschleifen, elterliche Aspirationsökonomien. Auf dem Kirchensockel wird klar: Der neue Katechismus lautet Kaufen-Glauben-Klicken. Die Flügel erinnern: Auch der Konsum hat Engelsbilder. Nur fliegen sie nicht, sie flimmern.



Handbuch für den heiligen Warenkorb

Willkommen zur Erstkommunion des Marketings: „Consume Me“—jetzt mit Heiligenschein-Sockel! Ein Schädel im Party-Punktekleid, Sonnenbrille auf Tot, zwei Wings für den Premium-Upsell. Aus dem Mund purzeln Kinder—praktische Testkunden im Miniformat. Früh übt sich, wer später Loyalty-Punkte sammelt.

Der Kirchensockel? Branding! Nichts adelt eine Marke so sehr wie Patina. Die Punkte? Limited Edition, nur diesmal auf Knochen. Die Sonnenbrille? Influencer-Modus: Wenn schon Leere, dann bitte mit UV-Filter. Die Flügel? Click-&-Fly—Hoffnung mit zwei Jahren Gewährleistung. Und die Kinder? Content. Wir nennen das „User-Generated Revenue“.

Botschaft in drei Schritten: 1) Werde Kind. 2) Werde Kundensegment. 3) Werde Cashflow. Wer fragt noch nach Sinn, wenn es Punkte gibt? Amen wird zu „Add to cart“. Der Schädel lächelt nicht—aber likebar ist er. Fazit: Ein Werk wie ein Werbespot, der endlich ehrlich ist. Konsumiert uns, bevor wir euch konsumieren. Und jetzt alle: „Sammeln, sparen, selig werden.“



Litanei der Punkte

Alter Stein.
Ein Schädel, bunt getupft.
Sonnenlicht im Glas der Brille.

Zwei Flügel: Versprechen.
Sie schlagen nicht.

Aus dem Mund: Kinder.
Kleine Schritte,
noch ungezählt, schon gezählt.

Der Sockel schweigt.
„Consume Me“ flüstert laut.

Punkte, Punkte —
Sterne ohne Himmel.
Wer trägt hier wen?

Ein Wind fährt über den Platz.
Nur die Farben bleiben wach.



Mündigkeit unter der Brille

Der Ort ist nicht zufällig: Ein Kirchensockel ist ein Speicher kollektiver Projektionen—Schuld, Trost, Verheißung. Darauf ein Schädel, dekoriert mit kindlicher Punktordnung: Das Thanatos-Motiv wird durch Eros der Farbe entschärft. Die Sonnenbrille maskiert den Blick, in dem normalerweise das Gegen-Ich entsteht. Wenn der leere Augenraum bedeckt ist, bleibt das Begehren unadressiert—es zirkuliert, objektlos, konsumierbar.

Die Flügel tragen eine Doppelcodierung: psychisch als Übergangsphantasie (Ich könnte anders sein), kulturell als Logo der Leichtigkeit (Ich könnte es kaufen). Doch der Schädel bleibt gravitätisch. Aus seinem Mund fallen Kinderfiguren—eine radikale Umkehrung des Symbols der Verkündigung. Hier spricht nicht Geist, sondern Apparat: das Unbewusste einer Kultur, die Subjekte als Output formt. Frühe Prägung erzeugt Konsum-Schemata, die später als Wunsch erscheinen. Der Imperativ „Consume Me“ wendet sich an beide Seiten: an das Kind („Nimm mich auf“) und an die Institution („Nimm mich ein“).

Psychoanalytisch liest sich das als Verschiebung von Mündigkeit: Das Kind wird zum Träger fremder Lüste—nicht sexuell, sondern ökonomisch. Der Punkt als Ornament ist zugleich Zählmarke: Du bist erfasst, bevor du erfährst. Die Brille verweigert die Begegnung, die zur Subjektwerdung nötig wäre; sie erlaubt, dass das Andere Ding bleibt. Kontemplation hier heißt, den Sockel neu zu lesen: Was wir erheben, erzieht uns. Was wir glänzen lassen, verdunkelt. Die Frage ist nicht, ob wir konsumieren, sondern wie wir dem Kind in uns eine Sprache zurückgeben, die nicht mit Punkten beginnt.

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